Dienstag, Februar 15, 2011

Rotary Club Bremerhaven: Das Wirken eines selbsternannten (Möchtegern-)Eliteclubs - Anmerkungen zum Buch von Hans Klaustermeyer...

Seestadtpresse Bremerhaven -Hans Klaustermeyer, früher in Bremerhaven unter anderem als Oberschulrat tätig, hat ein Buch über die Rotarier geschrieben.

Das Werk mit dem etwas kuriosen Titel "Stadtadel" ist selbstverständlich ausgesprochen wohlwollend aus der Perspektive eines langjährigen Mitglieds verfasst

Positiv hervorzuheben ist aber, dass es die bedenklichen Seiten dieses internationalen Vereins nicht verschweigt, der vor gut hundert Jahren als Netzwerk von Geschäftsleuten gegründet wurde.

Laut Klaustermeyer waren die deutschen Rotarier politisch stets als sehr konservativ oder reaktionär einzustufen. Während der Weimarer Republik waren Marxisten (und dazu bis weit in die 50er Jahre auch die Sozialdemokraten!) ebenso wie die Juden als Vereinsmitglieder unerwünscht.

Während der Nazi-Zeit wurden zusätzlich zu den jüdischen Rotariern auch den Nazis missliebige Menschen wie wie etwa der Schriftsteller Thomas Mann aus dem Verein geworfen. Wahlwerbung für Hitler war keine Ausnahme. "Als Widerstandskämpfer ist kein Rotarier in die Geschichtsbücher eingegangen", so Klaustermeyer mit vorsichtigem Spott.

Bis heute gibt es über dieses eklatante Versagen der Rotarier während der Nazi-Zeit keinerlei selbstkritische Untersuchungen. Das Thema wurde schlicht ausgeblendet. Nicht einmal die Rotarier der Nachkriegszeit haben sich laut Klaustermeyer "mit der NS-Zeit und ihrer Rolle darin auseinandergesetzt".

Während der Anfangsjahre der Bundesrepublik besetzten die Rotarier in Bremerhaven alle wichtigen Führungspositionen in der Wirtschaft und im kulturellen Leben, stellt der Rotarier-Porträtist fest. 

Auch die "veröffentlichte Meinung" hatten sie immer auf ihrer Seite, "weil der Verleger der Heimatzeitung, "Nordseezeitung", Mitglied im rotarischen Club war". Daran hat sich bis heute nichts geändert. Das illustriert nicht nur die sehr wohlwollende Buchempfehlung in der Nordsee-Zeitung vom 11. Dezember 2010 (von Buchkritik kann nicht so recht die Rede sein, da nicht einmal kritische Inhalte referiert werden).

Bemerkenswert mit Blick auf unseren demokratischen Lebensstil ist Klaustermeyers Feststellung, dass die mit großen Mehrheiten gewählten Vertreter der SPD in Bremerhaven "kein Gegengewicht zum Rotary Club bilden" konnten.

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Das "Netzwerk der Bremerhavener Kaufleute, Reeder und Bankiers", das durch nichts legitimiert ist, schickt seine Mitglieder als "die treibenden Kräfte in der Wirtschaft, Kultur und Politik" erfolgreich gegen die gewählte politische Mehrheit ins Feld. 

Soweit zum demokratischen Selbstverständnis der Rotarier.

Laut Klaustermeyer galt diese überbordend große Machtposition der Rotarier nur etwa bis 1970. Danach sei der Verein nicht mehr der Spielmacher auf dem Wirtschaftsfeld gewesen. Gleichwohl besetzten Vereinsmitglieder weiterhin "führende Positionen im kulturellen, täglichen und sportiven Leben" der Stadt. Kennzeichnend für die Richtung der Betätigung ist die Anmerkung, dass diese Bremerhavener Rotarier laut Befragung in großer Mehrheit konservative oder neoliberale Parteien wählen.

Was den elitären Habitus der Rotarier angeht, so dürfte die Kennzeichnung "Mehr Schein als Sein" für deren Mehrheit nicht aus der Luft gegriffen zu sein. Mit leiser Ironie stellt Klaustermeyer fest, dass der Rotary Club Bremerhaven als eine Art selbsternannter "Eliteclub" (vielleicht auch Möchtegern-Eliteclub?) "keine Sozialschicht über sich kennt".

Hans Klaustermeyers Buch bietet jedenfalls interessanten Diskussionsstoff über einen Verein, dessen politischer Einfluss in Bremerhaven auch heute nicht zu unterschätzen ist, wie ein Blick auf die Liste der Mitglieder des ersten Kreises am Platze zeigt. 

Das Buch beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Rotary Club Bremerhaven. Es gibt hier außerdem noch den Club Bremerhaven-Wesermünde und den Club Bremerhaven-Nordsee.

Hans Klaustermeyer, Stadtadel. Bremerhaven und seine Rotarier, Hetthorner Verlag, ist im Buchhandel erhältlich und kostet 10 Euro.

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1 Comments:

Anonymous Norbert Balzer said...

Wären die Mitglieder des Rotary Clubs, die sich angeblich alle in Führungspositionen befinden, nicht im Rotary Club sondern stattdessen im örtlichen Karnickelzüchterverein versammelt, würde dann die Kritik ebenfalls lauten "der Karnickelzüchterverein XY schickt seine Mitglieder in die Führungspositionen in Wirtschaft und Verwaltung"?
Hier wird offenbar Ursache und Wirkung verwechselt. Dass sich Menschen nach ihren gemeinsamen Interessen in Vereinigungen organisieren, wird nur von diktatorischen Regimen unterbunden, siehe China. Dass die Mehrzahl der Mitglieder der Rotary Clubs in Deutschland ganz allgemein gesehen nicht zum Sozialamt gehen müssen, wer will ihnen das vorwerfen? Es sind aber keinesfalls alles Millionäre, die sich bei Rotary zum Dienst am Nächsten verpflichtet haben. Im Gegenteil: Rotary steht allen Menschen offen, die sich zu den Zielen Rotarys bekennen und die berühmten 4 Fragen für sich als Richtschnur ihres täglichen Handelns akzeptieren. Abgesehen davon ist Rotary hunderttausendfach in sozialen Projekten engagiert und ohne diesen Einsatz von fast 50.000 Rotariern allein in Deutschland
sähen sich viele gemeinnützige Organisationen am Rande der Existenz, nicht zu reden von den internationalen Hilfsprojekten Rotarys in aller Welt. Diese Verdienste sollen nicht die bedenklichen Vorgänge bei Rotary in der NS-Zeit relativieren oder gar in Abrede stellen, aber auch die Kirchen und viele andere Institutionen haben sich in dieser Zeit durchaus einiges vorzuwerfen.
Nichtsdestoweniger ist Rotary nach wie vor aus den weltweiten Hilfsprojekten nicht mehr wegzudenken. Noch vor den UN-Organisationen ist Rotary weltweit die effektivste und finanzkräftigste Organisation im Kampf gegen die Kinderlähmung, um nur das prägnanteste Beispiel zu nennen.
Fazit: Gäbe es Rotary nicht, müsste man es erfinden, auch und gerade heute!

1:23 nachm.  

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